Schamanismus



Die Menschen Tibets spürten in der Landschaft schon immer die Gegenwart höherer, mächtiger Kräfte. Sie wussten, dass ihr Land von unsichtbaren Göttern, Lokalgottheiten, Geistern und Dämonen bewohnt war, die Berge, Pässe und Seen bewachten und sogar in ihren Häusern wohnten.

Insbesondere die Berggottheiten waren für das religiöse und soziale Leben dieses Kulturraums von grösster Wichtigkeit. Die Ursprünge dieses Glaubens reichen weit in vorbuddhistische Zeiten zurück.

Seit Anbeginn der menschlichen Besiedlung unseres Planeten war eine der Hauptanliegen seiner Existenz, die Auseinandersetzung mit der Natur. Bevor Religionen mit ihrer Betonung auf spirituelle Befreiung ins Leben der Menschen traten, lebte er in einer Welt der Magie und magischer Praktiken. Die Wurzeln dieser Praktiken liegen im Schamanismus und Animismus , deren Ursprünge bis ins Paläolithikum oder sogar bis in die Frühzeit der Menschheit zurückreichen. In ihr sind die Naturphänomene (Berge, Wolken, Blitz, Wasser u.a.) durch eine innewohnende Macht oder mit einer treibenden Kraft beseelt, die es zu befrieden und zu kontrollieren galt.

Innerhalb der menschlichen Gemeinschaften übernahm diese wichtige Aufgabe der Schamane. Ein Schamane ist ein Magier oder auch "Priester", der mittels seiner Energien imstande ist, die von Geistern bewohnte Umwelt zu manipulieren und seine Kräfte zum Wohle seiner Mitmenschen einzusetzen. Er kann auf diese Weise Krankheiten heilen, die Elemente beeinflussen, die Zukunft vorhersagen, eine Seelenbegleitung durchführen, ist Mittler zwischen den Sphären der Götter und Menschen. In seinen Visionen überschreitet der Schamane die Grenzen zwischen seinem inneren Wesen und der äusseren Umwelt - sie sind ganzheitlich und vorrational.

Tanzender Schamane

Im Laufe der Zeit löste der Mensch sich aus der Einheit mit der Natur und verlor mehr oder weniger seine ganzheitliche Weltsicht. Für diesen sehr langsamen und fliessenden Übergang, lassen sich äussere Phänomene,


wie z. B. soziale oder ökonomische Veränderungen durch Handel, Sesshaftigkeit (Hochkulturen) sowie die Vermehrung von Wissen verantwortlich machen - es kam zu einer Trennung zwischen dem Selbst und dem Anderen. In dem Masse also, in dem er sich aus seiner ganzheitlichen Wahrnehmung entfremdete und löste, nahmen seine begrifflichen Fähigkeiten zu und damit auch sein Ich. In den entstehenden frühen Religionen entstand der Erlösergedanke und der monotheistische Gott, der die zerbrochene Einheit wieder herstellen sollte.

Im frühen vorbuddhistischen Tibet nannte man die Schamanen Bon-pos. Das tibetische Wort Bon (deutsch:Bön) bedeutet beten, singen, beschwören, murmeln, demnach ist ein Bon-po ein Beschwörender oder Singender. Desweiteren bedeutet Bon im übertragenen Sinne auch "Weg des Lebens" und "das grundlegende Gesetz ". Dieses frühe archaische Weltbild wurde später durch den systematisierten Bön (Yungdrung Bön ) in Tibet modifiziert.

Die Kosmologie der Schamanen/ Bön-pos gliederte sich in drei grosse kosmische Regionen, die von drei verschiedenen Lebensformen bewohnt werden: Im Himmel als oberste Sphäre leben und herrschen Götter und Geistwesen; in der Mitte befindet sich der Lebensraum der Menschen, Tiere und Pflanzen, und in der Unterwelt leben die Dämonen, Totengeister und Schlangen. Alle Ebenen waren mit dem einem Seil, Mutag, miteinander verbunden. Dieses Konzept, das nicht nur in Tibet und im Himalaya-Raum sowie in Süd- und Südostasien bekannt ist, beeinflusste auch das europäische Denken.


Nagas Unter Göttern bzw. Geistwesen versteht man in diesem Zusammenhang neben den eigentlichen Göttern, Yul (Yül) Lha oder Lamo, auch die Dämonen, Dre, sowie eine Vielzahl von Geistern. Im unteren Bereich leben die Halbgötter, Schlangengeister, die Nagas. Insbesondere die Lha spielen als Schutzgötter im Leben der Tibeter eine bedeutende Rolle. Diese weissen himmlischen Wesen gelten immer als gütig. In diesem Zusammenhang kann man auch von Seelen sprechen, da das tibetische Wort "lha" Seele bedeutet. Unter dem Begriff Seele versteht der Tibeter nicht nur einen der Bausteine, die einen Menschen neben Körper, Sprache und Herz ausmachen, sondern auch Charakter, Gemüt und Bewusstsein eines Menschen.

Neben den Einzelseelen, zeichnen sich die Lha als väterliche und mütterliche Ahnen für den Fortbestand der Familien oder Sippen verantwortlich So ist z.B. der P`o lha der Ahnenvatergeist und der Mo lha der Ahnmuttergeist. Die

auf diese Art vergöttlichten Ahnen nahmen ihre Wohnstatt auf Bergen ein, die so eine sakrale Bedeutung erlangten - der Berg wurde zum Ursprungsort des Stammes. Hierher kehrten sie dann auch nach ihrem Tode zurück: im vorbuddhistischen Tibet wurden insbesondere die Schamanen, als Mittler zwischen den Welten, auf den heiligen Bergen bestattet. So glauben die sikkimesischen Lepschas, "dass der gütige Gott-Schöpfer Taschething aus dem Eis seiner Gletscher das Ahnenpaar ihres Stammes formte, den Mann Furongthing und seiner Frau Nazongnyu. Über die Moränenfelder des Konglo Tschu (Kangchenjunga) streift der geheimnisvolle Schneemensch - den die Lepschas als den Gott der Jagd verehren-, und hinter seinen Eiswällen liegt das Reich der Toten". (1)

Wegen der immensen Grösse des Landes und der damit verbundenen Vielzahl an Sippen und Stämmen, gibt es eine entsprechend grosse Vielzahl von heiligen Bergen. Der bekannte Tibetologe René von Nebesky-Wojkowitz bemerkt dazu.:" Es gibt kaum einen Gipfel in Tibet, der nicht als Wohnsitz eines Berggottes oder einer -göttin betrachtet würde." In der Heimatverbundenheit der Tibeter wird die Bedeutung der heiligen Berge als Sippenursprung ebenfalls deutlich. So ist die Lebenskraft, bla, als ein wichtiger Teil der Seelenvorstellung, eines Menschen, einer Sippe oder ganzen Volkes untrennbar mit einer bestimmten Örtlichkeit, bla-gnas, verbunden.

Diesen Bergen wird ein besonderer Respekt entgegengebracht der, wie beispielsweise in Amado, sich in einer besonders respektvollen Namensgebung ausdrückt. Hier tragen gleich dreizehn Berge den Titel Amnye (A-myes), ehrwürdiger Ahn, oder Amne - Grossvater, was die Bedeutung des Berges und des Berggottes unterstreicht und zu einer gewissen Verwirrung führt (z. B. Amnye Manchen oder Amnye Nyenchen). In Amdo hielt sich übrigens auch am längsten die Rolle eines Berges als Ahnengottheit. Die hier lebenden Ngolok-Nomaden leiten ihren Ursprung von dem mächtigen kriegerischen Berggott Manchen Porma ab, der seinen Wohnsitz auf dem heiligen Berg Amnye Manchen hat. Häufig bilden heilige Berge mit Seen ein Götterpaar, wobei der Berg mit seinem phallischen Habitus den männlichen Teil und der flache See den weiblichen Teil darstellt - der See ist so quasi die Shakti des Berggottes ( z. B. der Gott Nyenchen Thanglha mit der Seegöttin Gyajin Semo Namtso, des Sees Tengri Nor). Ihnen sind auch die entsprechenden männliche bzw. weiblichen Attribute wie beispielsweise Speer und Vase, Pfeil und Spiegel zugeordnet.

In der Regel waren fast alle dieser zu den Himmlesgöttern zu rechnenden Berggottheiten, Nyen oder Noijin , auch Kriegsgottheiten bzw. Dralhas, was soviel wie "Schutzgeist gegen Feinde" bedeutet , oder auch wie beim Kangchenjunga, Götter des Reichtums. Die kriegerische Heerführerstruktur der Oberhäupter (Stammesahnen) innerhalb der nomadischen Hirtenvölker wurde auf die Charaktere der Berggottheiten übertragen. Desweiteren waren die heiligen Berge und deren Götter durch ihren Einfluss auf Klima, Fruchtbarkeit und Regen wichtige Nahrungsspender und für die Ernten und damit für den Wohlstand der Bewohner verantwortlich. Hier ist insbesondere der heilige Berg Kangchenjunga (Kangchendzönga) als heiligster Achttausender mit seinem gleichnamigen Berggott zu nennen. Er wird mit dem Vaisravana/Kubera, dem Gott des Reichtums und bedeutenden Dharmapala identifiziert.

Der Dharmapala Vaisravana/Kubera


Die grosse Bedeutung dieser Ahnenschutzgeister zeigt sich nicht nur im Schamanismus oder im alten tibetischen Volksglauben, sondern auch im später systematisierten Bön (Yungdrung Bön ) und natürlich in den späteren buddhistischen Schulen. Durch die Verschmelzung von Volksglauben und speziellen örtlichen Gegebenheiten mit den quasi importierten Weltanschaungen, wurden diese "Ahnen" in die neuen Lehrsysteme wie den systematisierten Bön und den aufkommenden Buddhismus integriert bzw. übernommen.

Dass diese Integration nicht immer freiwillig vonstatten ging, beweisen zahllose Legenden, in denen die alten Berggötter sich der Bekehrung widersetzten und sich den buddhistischen Missionaren in den Weg stellten. In ihrer Typologie sind sich diese Legenden alle ähnlich: Die der buddhistischen Lehre feindlich gesonnenen Berggötter oder Dämonen fallen die fremden Zauberer und Yogis wuterfüllt an und fordern diese zu einem Kampf heraus, in dessen Verlauf die alten Götter durch die magischen Kräfte der Zauberer und Yogis besiegt werden. Insbesondere " Pad-masambhava verwandelte somit vom buddhistischen Standpunkt aus die "unheilvollen " Berge in segensreiche und ihre bösen (weil Bön)- Geister in Schutzgottheiten der neuen Religion". (2) (Yarlha Shampo, Nyenchen Thanghla)



Die Lokapalas Dhritarashtra


und Virupaksa (rechts) Von diesen örtlichen Schutzgeistern entwickelten sich dann nur die mächtigsten zu Landesschutzgeistern, gZhi-bdag oder sogar "Weltenbeschützern" `Jig-rten paí -srung-ma. Durch die grossen kulturellen Unterschiede Tibets, erlangten vier Berggötter beziehungsweise fünf, wenn man den Berg im Zentrum mitrechnet, im mythischen Yarlung-Tibet einen besonderen Status und hoben sich in ihrer Bedeutung von den anderen ab. In ihrer räumlichen Aufteilung, die den vier Himmelsrichtungen entsprach, wurden sie zu den wichtigen Lokapalas, Beschützern der Welten. Zu diesen vier heiligen Bergen gehören die

Gipfel des Nyenchen Thanglha, Yarlha Shampo, Kula Kangri und des Nöjikangsang; der fünfte Berg im Zentrum, der Öde Gunggyal (Ode Gunggyel), existiert als Urkönig oder Urahn, wird aber nicht in allen Quellen erwähnt. Dieses System bezieht sich auf Zentral-, bzw. Südtibet und ist nicht starr festgelegt, sondern, bedingt durch regionale Traditionen, politische Macht oder historische Entwicklung durchaus variabel. Allen gemeinsam ist jedoch die Tatsache, dass sie schon zu Zeiten der alten Bön-Religion eine zentrale Rolle spielten. So ist auch ein jüngeres Vierersystem überliefert, in dem neben den schon erwähnten Nyenchen Thanglha und Yarlha Shampo auch der Manchen Pomra und der Tise (Kailash) erwähnt werden, auch existieren Ordnungssysteme mit dem Öde Gunggyal als Vater von acht Bergschutzgeistern, zusammen die "Neun Geister der Weltschöpfung".

Aber nicht alle Berge wurden assimiliert. Obwohl die wichtigsten Berggötter und heiligen Stätten der Bön-pos vom Lamaismus eingenommen wurden, werden sie heute dort wieder mehr oder weniger akzeptiert (Kailash, Amnye Machen) Dennoch sind den Bön-pos sakrale Berge, wie dem Bönri und Targo Kangri, geblieben, die in erster Linie ihnen vorbehalten sind.


(1) Nebesky-Wojkowitz, René von, Wo Berge Götter sind, DVA, 1955
(2) Hoffmann, H., Mila Raspa, Otto Wilhelm Barth Verlag, 1950



Quelle: Internet; Gruschke, A., Die heiligen Stätten der Tibeter, Diderichs; Gratzl, K, .Mythos Berg, Hollinek; Schuster, G., Das alte Tibet, NP; Nicolazzi, M. A., Mönche, Geister und Schamanen, Walter Verlag; Nebesky-Wojkowitz, René von, Wo Berge Götter sind, DVA; Hoffmann, H., Mila Raspa, Otto Wilhelm Barth Verlag